Die Grundbegriffe der Systematischen Theologie von Paul Tillich
von Detlef Dieckmann (Hg.), Claudia Aue, Corinna Hirschberg, Anja Niehoff, Christian Peisker, in: www.dieckmannvonbuenau.de/tillich, Berlin 2004.
Zusammengestellt auf der Grundlage von Paul Tillich, Systematische Theologie, 3 Bde., Stuttgart 1956ff.
Angeht, das was uns unbedingt ...
Auferstehung
Christus→Jesus als der Christus
Dämonische, das
Dimensionen
Ekstase
Entfremdung
Entmythologisierung
Essentifikation
Essenz und Existenz
Ewiges Jetzt
Ewiges Leben
Existenz →Essenz und Existenz
Freiheit
Gebet
Geist
Geistgemeinschaft →Geschichte
Gericht, Jüngstes
Geschichte
Gesetz
Glaube
Gott →Sein-Selbst
Gott über Gott →Mut zum Sein
heilig
Jesus als der Christus
Jetzt, Ewiges
Jungfrauengeburt
Kairos/Kairoi →Geschichte
Katholizismus
Kirche →Glaube, →Geist
Korrelation →Methode, theologische
Kultur
Leben
Leben, Ewiges
Leib, geistlicher
Liebe
Literalismus
Methode, theologische
Mut zum Sein
Nichtsein
Offenbarung
Ontologie →Sein
Opfer
Paradox
Parusie
Philosophie und Theologie
Präexistenz
Prinzip, protestantisches
Profan →heilig
Rechtfertigung →Sein, das Neue
Reich Gottes →Geschichte
Restitution
Schicksal →Freiheit
Sein
Sein, das Neue
Sein-Selbst
Selbst
Situation
Sünde
Symbol
Theologie
Unschuld, träumende
Vernunft
Zirkel, der theologische
Zweideutigkeit
Zweifel
Angeht, das was uns unbedingt ... „Das, was uns unbedingt angeht, ist von allen zufälligen Bedingungen der menschlichen Existenz unabhängig. Es ist total, kein Teil unser selbst und unserer Welt ist davon ausgeschlossen. [...] Was uns unbedingt angeht, läßt keinen Augenblick der Gleichgültigkeit und des Vergessens zu. Es ist ein Gegenstand unendlicher Leidenschaft“ (I 19), es entscheidet über unser →Sein und →Nichtsein. DD
Angst. Der Mensch ist sich bewusst, dass er endlich ist, eine Mischung aus →Sein und →Nichtsein, und hat deswegen A. (II 41). Diese ontologische A. kann nur in den →Mut zum Sein hinein genommen werden in der Gewissheit, dass die Macht des →Sein-Selbst dem Nichtsein überlegen ist. DD
Auferstehung
(a) A. des Christus.
Die A. bezeichnet nicht die Wiederbelebung eines bestimmten Menschen
oder sein Wiedererscheinen als individueller Geist (I 169), sondern
das →Symbol der A. des Christus zeigt den
Sieg des →Neuen Seins in Jesus als
dem Christus über die existentielle →Entfremdung,
der er sich unterworfen hat (I 172). Es drückt die Erfahrung
einiger Menschen aus, dass Jesu Tod sie nicht von ihm trennen
konnte, sondern er als Träger des Neuen Seins gegenwärtig
bleibt.
Nach
dem schimpflichen Tod Jesu haben die Jünger, die ihn als
Christus bekannten, die traditionelle Vorstellung der A. auf ihn
übertragen (I 166). Die Behauptung, dass dem Symbol der A. ein
Ereignis zugrunde liegt, war also z.T. eine Konsequenz des
Jüngerglaubens. Aber dieser →Glaube
wurde durch ein Ereignis bestätigt, welches in geheimnisvoller
Dunkelheit bleibt.
(b)
A. des Leibes. Dieser hoch symbolische Ausdruck stellt die
Partizipation des Menschen am →Ewigen
Leben jenseits des Todes dar. Am Ewigen Leben im Reich Gottes
nimmt der Mensch mit allen Dimensionen des →Seins
teil (physisch, geistig, psychologisch, sozial und als individuelle
Person in ihrer Einmaligkeit.) Das Ewige Leben ist →Leben
und keine undifferenzierte Identität (II 465f.).
(c)
A. allgemein. Das Symbol der A. drückt die Gewissheit aus,
dass sich aus dem Tod des zeitlichen Lebens das Ewige Leben erhebt,
ebenso wie das Neue Sein aus dem alten hervorgeht. Insofern ist „A.“
der symbolische Ausdruck für den theologischen Zentralbegriff
des Neuen Seins, ein universales Symbol für die eschatologische
Hoffnung (II 467). DD
Christus →Jesus als der Christus.
Dämonische, das. Das D.
ist nach Tillich eine endliche Größe, die den Anspruch
erhebt, unendlich und von göttlicher Größe zu sein,
ein endliches Element, das zu unendlicher Macht und Bedeutung
erhoben wird (III 125).
Tillich bezeichnet das
D. als ein zentrales religiöses →Symbol
(III 452), als ein fundamentales Phänomen im Bereich des
→Lebens unter den Bedingungen der
→Existenz (III 277).
Tillich stellt fest,
dass das D. in der religiösen Sprache zu einem viel gebraucht
und viel missbrauchten Begriff geworden ist, um antigöttliche
Kräfte im Leben des einzelnen und der Gemeinschaft zu
bezeichnen, wobei es durch den häufigen Gebrauch den
zweideutigen Charakter, der ihm eigen ist, oft verloren hat. Dieser
besteht darin, dass das D. nicht einfach eine Verneinung des
Göttlichen ist, sondern an der Macht und Heiligkeit des
Göttlichen partizipiert, aber in verzerrter Weise.
Das
D. kann in allen →Dimensionen des
Lebens auftreten, manifestiert sich aber am deutlichsten in der
geschichtlichen Dimension, wo es mit dem Anspruch auftritt, das Ziel
der →Geschichte darzustellen (III
393). Beispiele sind u.a. die dämonische Selbsterhebung
einer Nation über alle anderen (III 125), die dämonische
Selbsterhebung eines speziellen Elements innerhalb einer zentrierten
Person (ebd.), eine mit letztgültigem Anspruch auftretende
Lehre (Dogma) (III 129), eine Unbedingtheit beanspruchende
historisch-wissenschaftliche Forschung (I 46), das
sakral-priesterliche Element, das mit unbedingter Würde
auftreten will (I 167), oder eine →Kirche,
die die Unbedingtheit ihres Fundaments mit der Unbedingtheit ihrer
Institution verwechselt (III 432). Überhaupt gibt es auf dem
Gebiet der Religion eine besonders starke Anfälligkeit für
das Dämonische. Auch in der Geschichte der Kirchen ist das
Dämonische stets eine manifeste Macht gewesen (ebd.). Neben der
Profanisierung ist die Dämonisierung, also die eigene
Absolutsetzung, eine der Zweideutigkeiten, denen die Religion unter
den Bedingungen der Existenz ausgesetzt ist (z.B. III 281).
Wo
das Dämonische innerhalb eines zentrierten Selbst, einer
Person, auftritt, hat es stets den Zustand der Besessenheit
zur Folge. „Besessenheit ist dämonische Besessenheit“
(III 126; vgl. I 138). In diesem Zustand ist der →Geist
in der Macht partikularer Elemente seiner selbst, die sich in sein
Zentrum drängen und es dadurch zerstören (I 138).
Das
Dämonische und die Furcht vor ihm sind unter den Bedingungen
der Existenz für den Menschen unbesiegbar (III 213). „Das
Dämonische kann nur vom göttlichen Geist besiegt werden“
(ebd.; auch III 280f.). Ausdruck der Überwindung des
Dämonischen auf dem Gebiet der Religion durch den göttlichen
Geist ist das →protestantische Prinzip
(III 281). Das Christentum behauptet, dass die Macht des Dämonischen
dadurch gebrochen ist, dass der →Christus, der Träger des
→Neuen Seins, im Jesus von
Nazareth erschienen ist (II 176), ein Geschehen, das Tillich als
„letztgültiges, siegreiches, antidämonisches
Offenbarungsereignis“ (III 386; vgl. III 432) bezeichnet.
Unter den Bedingungen der Existenz ist aber diese Brechung der Macht
des Dämonischen erst fragmentarisch verwirklicht; das →Reich
Gottes führt hier einen innergeschichtlichen Kampf gegen die
Kräfte der Dämonisierung und Profanisierung, die sich dem
Ziel der Geschichte widersetzen (III 427, 429). Im Ziel und Ende der
Geschichte aber ist das D. endgültig besiegt und aufgehoben;
andernfalls würde eine Spaltung im Sein-Selbst
verewigt werden, und das Dämonische, das für diese
Spaltung charakteristisch ist, würde es erreichen, mit Gott
gleich ewig zu sein (I 327). Aus diesem Grund lehnt Tillich auch die
Lehre von der doppelten Prädestination und der ewigen
Verdammnis als einen Widerspruch in sich ab.
Das
D. kann nur aus dem göttlichen Grund des Seins
selbst hervorgehen: „[...] so, wie das Göttliche sich und
das Dämonische umfaßt.“ (I 254). CP
Dimension/Dimensionen des Lebens.
Mit dem Ausdruck „D.en“ möchte Tillich das
benennen, wofür zumeist Begriffe wie „Schichten“,
„Stufen“ oder „Abstufungen“ des →Lebens
verwendet werden. Dadurch grenzt sich Tillich ab von der Vorstellung
des Modells einer Pyramide von Schichten, einer hierarchischen
Ordnung der verschiedenen Erscheinungsweisen bzw. Ausformungen des
Lebens (III 23). Der Ausdruck „Schicht“, der die Idee
von unterschiedlichen Graden des Seins,
verschieden hohen ontologischen Qualitäten impliziert, ist
deswegen zur Beschreibung der verschiedenen Ausprägungen des
Lebens nur in mangelhafter Weise geeignet, weil er die Beziehungen
zwischen den einzelnen „Schichten“ (sprachlich) nicht
enthält und zum Ausdruck bringt.
Die Betrachtung des
Lebens unter dem Aspekt seiner „vieldimensionalen Einheit“
ist letztlich eine veränderte, d.h. angemessenere und
realistischere Sicht der Wirklichkeit, die deren dynamischen
Charakter Rechnung trägt. Von daher kann die Lehre von der
vieldimensionalen Einheit des Lebens stellenweise sogar
programmatischen Charakter hinsichtlich von Wirklichkeitswahrnehmung
und der Notwendigkeit der Partizipation an allen D. annehmen (III
199, 276).
D.en können sich
kreuzen, ohne sich zu stören. Alle D.en sind stets gegenwärtig,
wenn nicht aktuell, so doch potentiell. Bedingungen für die
Aktualisierung einer D. sind, dass sich (1) schon andere D.en
aktualisiert haben müssen und (2) bestimmte Konstellationen
entstehen müssen, die die Aktualisierung einer neuen D.
ermöglichen (III 26). Jede D. ist stets zumindest potentiell in
einer anderen enthalten. D.en kommen nicht an einem bestimmten Punkt
und nie ein für allemal zur Aktualisierung. Sie streiten
fortwährend miteinander (III 37). Obwohl das hierarchische
Stufenmodell aufgelöst ist, gibt es Wertunterschiede zwischen
den D.en, wobei Werte als „Grade der Seinsmächtigkeit“
verstanden werden müssen (III 27f.).
Es gibt keine bestimmte
Anzahl von D.en, denn D.en werden nach wandelbaren Kriterien
bestimmt. „Der besondere Charakter einer Dimension, die ihren
Namen verdient, zeigt sich in der Art, wie unter ihrer Vorherrschaft
die Kategorien der Zeit, Raum, Kausalität und Substanz eine
besondere Prägung erhalten“ (III 360–373).
Als D.en nennt Tillich
(III, 27–37):
(a) Die D.
des Anorganischen, die die Voraussetzung für die
Aktualisierung aller weiterer D.en ist.
(b) Die D.
des Organischen, die sich in einen vegetativen und einen
animalischen Bereich unterteilt.
(c) Die D.
des Bewusstseins oder Psychischen, die sich aus dem animalischen
Bereich der organischen D. heraus aktualisiert.
(d) Die D.
des Geistigen, die nur im Menschen aktualisiert ist, und der als
der „Einheit von Seins-Macht und Seins-Sinn“ (III 134)
der größte Wert zukommt. Dabei umfasst →„Geist“
mehr als →Vernunft, nämlich auch
eros, Leidenschaft und Gefühl, aber ohne die
Vernunftstruktur wäre der Mensch nicht fähig, irgendetwas
zu schaffen.
(e) Die
geschichtliche als die letzte und allumfassende D., die nur im
Menschen zu ihrer vollen Aktualisierung kommt (III 36).
Charakteristika der D. des Geschichtlichen sind (III 346ff.): (1)
zweckhafte, also mit Zweck verbundenen Handlungen; (2) →Geschichte
geschieht unter den Bedingungen der (freilich nie absoluten)
→Freiheit; (3) sie schafft
sinnbezogenes Neues, (4) sie hat Bezug auf universalen, partikularen
und teleologischen Sinn, und sie verweist auf das Sein-Selbst.
Durch diese vier
Grundzüge unterscheidet sich die menschliche Geschichte von der
geschichtlichen D. im allgemeinen, obwohl auch in allen anderen
Lebensbereichen die geschichtliche D., allerdings unvollkommen,
aktualisiert ist.
Ein „Bereich“
ist für Tillich ein Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem eine
spezielle D. vorherrschend ist und den Charakter eines jeden
Exemplars (z.B. Mensch, Atom), das ihm angehört, bestimmt (III
27). CP
Ekstase.
„Der Begriff E. muss von seinen entstellenden Nebenbedeutungen
gereinigt und zu nüchternem theologischen Gebrauch
wiederhergestellt werden. [...] E. (außerhalb seiner selbst
stehen) weist auf einen Bewußtseinszustand hin, der
außergewöhnlich ist in dem Sinne, daß das
Bewußtsein seinen gewohnten Zustand transzendiert. [...] Sie
ist ein Bewußtseinszustand, in dem die Vernunft
jenseits ihrer selbst, d.h. jenseits ihrer Subjekt-Objekt Struktur“
(I 135).
Eine
ekstatische Erfahrung geschieht nur durch die Manifestation des
Mysteriums in einer Offenbarungssituation, und umgekehrt gibt es
keine →Offenbarung ohne E. (I 136).
E. hat zwar eine psychologische und eine emotionale Seite, sie
übersteigt aber die psychologische und die emotionale Ebene und
offenbart etwas Gültiges über die Beziehung zwischen dem
Mysterium des →Seins und uns.
Wichtig
ist zudem, dass die E. die Erfahrung des Abgrundes, zu dem die
Vernunft in all ihren Funktionen hingetrieben wird, mit der
Erfahrung des Grundes verbindet, zu dem die Vernunft durch das
Geheimnis ihrer eigenen Tiefe und der Tiefe des Seins hingetrieben
wird (I 137).
In der E. wird ein
zeichengebendes Ereignis erfahren (I 141). Sie ereignet sich in der
→Dimension des →Geistes,
wobei alle Dimensionen des →Lebens an der
Geist-geschaffenen E. teilnehmen. Schließlich führt die
E. zum Ergreifen des Reichtums der objektiven Welt in ihrer
Mannigfaltigkeit, und zwar so, dass diese Inhalte zugleich durch die
Gegenwart des göttlichen Geistes transzendiert sind. Das beste
Beispiel für eine solche Transzendierung der
Subjekt-Objekt-Struktur im psychischen Sinn, wobei durch die
Überwindung der unabhängigen Existenz des Subjekts und des
Objekts eine höhere Einheit geschaffen wird, ist das →Gebet
(III 143). CA
Entfremdung. Als universaler und unausweichlicher Zustand des
Menschen ist die E. ein Charakteristikum seiner →Existenz
(II 84; III 114).
E.
heißt, dass der Mensch als ein Existierender nicht das ist,
was er essentiell ist und darum sein sollte (II 53). Die
existentielle Situation des Menschen ist ein Zustand der E. –
E. von seiner essentiellen Natur (II 31). Diese Selbst-E. ist die
Folge der →Freiheit des Menschen, sich
getrennt vom göttlichen Grund des →Seins
selbst zu aktualisieren
– ein Punkt, in dem Schöpfung und Fall, Erfüllung und Selbst-E. zusammentreffen (I 297).
E. kommt dem Ausdruck
„Sünde“ sehr nahe, kann ihn jedoch nicht ersetzen.
Die drei Hauptmerkmale
der menschlichen E. sind: (a) Unglaube, (b) hybris
und (c) Konkupiszenz, wobei jeder der Begriffe einer
Neuinterpretation bedarf (II 55).
(a) E. als Unglaube.
„Unglaube bedeutet für den protestantischen Christen den
Akt, in dem der Mensch sich in seiner Ganzheit von Gott
abwendet. In seiner existentiellen Selbstverwirklichung wendet er
sich seiner Welt und sich selbst zu und verliert seine essentielle
Einheit mit dem Grunde von Selbst und Welt“
(II 55). Dabei wird die Erkenntnis-Einheit mit Gott zerrissen und
der menschliche Wille von Gottes Willen getrennt. Insofern ist
Unglaube das erste Merkmal der E (II 56).
(b) E. als hybris.
Die strukturelle Zentriertheit des Menschen, seine Fähigkeit,
sich selbst und seine Welt zu transzendieren, ist zugleich seine
Größe und Würde („Ebenbild Gottes“ zu
sein), als auch seine Versuchung, nämlich, sich selbst
existentiell zum Zentrum seiner selbst zu machen, das göttliche
Zentrum, zu dem sein eigenes Zentrum essentiell gehört, zu
verlassen. So verfällt der Mensch, der seine Freiheit erfährt,
dabei aber seine Endlichkeit nicht anerkennt, der hybris.
„Hybris ist die Selbstüberhebung des Menschen in die
Sphäre des Göttlichen“ (II 57,58).
(c) E. als
Konkupiszenz. Der Grund für den Drang des Menschen,
sich selbst zum Zentrum seiner selbst und der Welt zu machen
(hybris), besteht darin, dass ihm dies die Möglichkeit
gibt, die ganze Welt in sich hineinzuziehen. Jeder Einzelne hat,
weil er geschieden ist vom Ganzen, den Wunsch, mit dem Ganzen
wiedervereinigt zu werden, über das „Teil-Sein“
hinaus gehoben zu werden. „Seine Armut läßt ihn
nach Überfluß suchen. [...] Der klassische Name für
diesen Wunsch ist ‚Konkupiszenz‘ –
die unbegrenzte Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen
Selbst einzuverleiben“ (II 60). Die Konkupiszenz ist allseitig
ausgeprägt, sie bezieht sich sowohl auf physischen Hunger,
sexuelle Befriedigung und Macht, als auch auf Wissen, materiellen
Reichtum und geistige Werte.
Der traditionellen
dogmatischen Unterscheidung von Erbsünde (Zustandssünde)
und aktueller Sünde (Tatsünde) entspricht bei Tillich die
Unterscheidung der E. als Faktum und als Akt. Jedoch ist es „absurd,
den allgemeinen Zustand der Menschheit vom völlig freien
Handeln eines Menschen (Adam) abzuleiten“, vielmehr ist die
„Sünde ein universales Faktum, noch bevor sie zu einem
individuellen Akt wird, oder genauer gesagt: Sünde als
individueller Akt aktualisiert das universale Faktum der E.“
(II 65).
Hinsichtlich der Frage
nach dem Zusammenhang von individueller und kollektiver E. hebt
Tillich hervor, dass es keine Kollektivschuld gibt, da eine soziale
Gruppe im Gegensatz zur „Person“ kein
Entscheidungszentrum besitzt (II 67). Dennoch hat persönliche
Schuld Einfluss auf das Gesamtschicksal der Menschheit und auf das
besondere Schicksal der sozialen Gruppe, zu der die Person gehört
(II 68).
Die
Folge davon, dass sich Mensch und Welt im Zustand der E. befinden,
sind Selbstverlust und Weltverlust (II 69ff.), der wechselseitige
Verlust der polaren Elemente des →Seins
(→Freiheit
und Schicksal, Dynamik und Form, Individualisation und
Partizipation), sowie die Endlichkeit des Menschen (mitsamt ihren
Folgen wie Tod, Leiden, Einsamkeit, Zweifel und Sinnlosigkeit) (II
76ff.).
Die
Funktion des →Lebens, in der die E. und
→Zweideutigkeiten des Lebens
überwunden werden, ist die Religion (II 89). Ihre Tragik liegt
jedoch darin, dass sie sich oft in Versuche der Selbsterlösung
verwandelt (II 90), wenn der Mensch aus eigener Kraft versucht, das
wiederzuerlangen, was er verloren hat. So ist die Religion letztlich
eine Folge (und damit zugleich Ausdruck) der E. vom Grund des Seins
(III 456).
Die tatsächliche
Überwindung der E. ist das →Neue
Sein in →Jesus als dem Christus (II
137). Im biblischen Bild von Jesus als dem Christus finden sich
keine Züge des Unglaubens, der hybris und der
Konkupiszenz (II 137f.).
Die Gegenwart des
göttlichen Geistes schafft das Neue Sein jenseits der Spaltung
von →Essenz und Existenz,
also jenseits der E. (III 177). Allerdings ist diese Überwindung
unter den Bedingungen der Existenz fragmentarisch (ebd.). Doch
→„Geschichte als Offenbarungs-
und Heilsgeschichte beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch
sich seiner entfremdeten Existenz und seiner Bestimmung, diese E. zu
überwinden, bewußt wird“ (III 417). Die endgültige
Überwindung der E. und der Zweideutigkeiten des Lebens ist erst
im Ziel und Ende der Geschichte, im →Reich
Gottes, im →Ewigen Leben,
gegeben (III 454). CP
Entmythologisierung. E. kann bedeuten: a) Der stets notwendige Kampf gegen die literalistische (→Literalismus) Missdeutung von →Symbolen und Mythen oder b) die Ausscheidung des Mythos als Form religiöser Aussage und sein Ersatz durch Wissenschaft und Moral, was die Religion ihrer Sprache berauben würde. Symbole und Mythen sind unabdingbar, um die Erfahrung des →Heiligen auszudrücken (II 164f.). DD
Essentifikation. An Schelling anknüpfend, beschreibt
Tillich die Rückkehr zu dem Zustand reiner Wesentlichkeit oder
Potentialität und die Ausscheidung alles dessen, was unter den
Bedingungen der →Existenz wirklich ist,
als E.
E.
kann auch bedeuten, dass das Neue, das sich in Raum und Zeit
verwirklicht hat, zu dem essentiellen →Sein
etwas hinzufügt, indem es dieses mit dem Positiven verbindet,
das in der Existenz geschaffen wird, und so das unbedingt Neue, das
→Neue Sein schafft, nicht
fragmentarisch, wie in allem zeitlichen →Leben,
sondern als vollkommenen Beitrag zum →Reich
Gottes in seiner Erfüllung (III 453). Deutlich wird dies an
dem Beispiel von authentischen Portraits und Ikonen, wobei letztere
essentifizierte Bildnisse des Christus, der Apostel und der Heiligen
sind, und erstere eine Konzentration aller entscheidenden Momente
des Lebens dieser Person widerspiegeln (III 466). Auf die Frage, was
das →Symbol der ewigen Seligkeit für das
Universum außerhalb des Menschen bedeutet, antwortet Tillich:
„Nach dem, was über ‚Essentifikation‘ gesagt
wurde, könnte man eine mögliche Antwort darin sehen, dass
alle Dinge, da sie
als von Gott geschaffen gut sind,
in ihrem Wesen, ihrer Essenz, am göttlichen Leben teilhaben“
(III 458). E. ist als dialektisch zu bezeichnen, da die christliche
Lehre von der →Entfremdung deutlich
macht, dass jedes menschliche Wesen sich gegen das →Ewige
Leben stellt und zugleich nach ihm strebt (III 459). CA
Essenz und Existenz. „Leben
ist die Aktualisierung des Seins, seine beiden
Hauptqualitäten sind Essenz und Existenz“ (III 21). Die
Kluft zwischen essentiellem und existentiellem Sein ist das Prinzip,
das dem theologischen System Tillichs zugrunde liegt (II 130).
Tillich zeigt die existentielle Situation des Menschen, seine
→Zweideutigkeiten und die daraus
erwachsenden Fragen auf, und versucht entsprechend seinem „Prinzip
der Korrelation“ darzustellen,
inwiefern die göttliche →Offenbarung auf diese Fragen eine
Antwort gibt und in der Lage ist, den Menschen wieder mit seinem
essentiellen Sein zu vereinigen.
Essenz
ist die eigentliche Natur des Menschen (II 10; 31), seine
potentielle Vollkommenheit (II 69) und wirkliche Bestimmung, während
Existenz das aktualisierte, also tatsächlich
verwirklichte Sein des
Menschen verkörpert, in dem seine essentielle Natur stets nur
verzerrt zum Ausdruck kommen kann (II 10).
Das
essentielle Sein ist kein Stadium der menschlichen Entwicklung,
sondern stets nur in der existentiellen Verzerrung gegenwärtig.
Als Zustand der →träumenden Unschuld
besitzt es Potentialität, aber keine Aktualität (II 40).
→Gott
als der schöpferische Grund des Seins steht jenseits von Essenz
und Existenz (I 239). „Das Sein-Selbst
ist jenseits der Spaltung von Essenz und Existenz, der alles
Endliche unterworfen ist“ (I 274). Daher wäre es auch
falsch, Gott als die „universale Essenz“ zu bezeichnen
(ebd.)
Zwischen Essenz und
Existenz gibt es einen Bruch (II 36), eine Zerreißung (I 254),
besteht eine Spaltung (I 274).
Wo
die klassische christliche Theologie vom „Sündenfall“
spricht, beschreibt Tillich den „Übergang vom
essentiellen zum existentiellen Sein“ (II 37) und verortet den
Bruch zwischen Essenz und Existenz im →„Symbol des Falls“.
Anhand der Genesiserzählung beschreibt er in II 37–52 die
Voraussetzungen, das Ereignis und die Folgen des Übergangs.
Entscheidend ist, dass in diesem Ereignis die Selbstverwirklichung
des Menschen in →Freiheit mit seinem
Schicksal zusammenfällt, Vollendung der Schöpfung und Fall
zusammentreffen, die Erfüllung und Selbstaktualisierung mit dem
Verlust der Einheit von Essenz und Existenz einhergeht (Vgl. I
294f.).
Die
Aufhebung der Spaltung zwischen Essenz und Existenz, der
→Entfremdung des Menschen und der
Welt von Gott ist dem Menschen verwehrt. Alle diesbezüglichen
Versuche der Selbsterlösung sind zum Scheitern verurteilt. Nur
die Gegenwart des göttlichen →Geistes
kann das →Neue Sein jenseits der
Spaltung von Essenz und Existenz und der Zweideutigkeit
des Lebens schaffen (III 165). Voraussetzung dafür war das
Leben und Werk →Jesu als des Christus. Er
zeigte denen, die unter den Bedingungen der Existenz leben, was der
Mensch essentiell ist und darum sein sollte (II 103). Dieses
essentielle Sein unter den Bedingungen der
Existenz ist das Neue Sein in Christus (II 130).
Im
Neuen Sein ist die Kluft zwischen essentiellem und existentiellem
Sein überwunden. Wer „in“ Christus, also „im“
Neuen Sein ist, ist dementsprechend eine neue Kreatur, die
Entfremdung seines existentiellen von seinem essentiellen Sein ist
im Prinzip (im Sinne von „Anfang“ und „Kraft“),
d.h. unter den Bedingungen der Existenz zunächst nur
fragmentarisch überwunden (ebd.). Manifest wird diese
Überwindung in den Schöpfungen des göttlichen Geistes
im menschlichen Geist: →Glauben und
→Liebe, wobei „Glaube“ als das
Ergriffensein von der transzendenten Einheit unzweideutigen Lebens
(und damit die Partizipation an ihr) zu verstehen ist (III 154).
Die
endgültige Teilnahme an dieser transzendenten Einheit
unzweideutigen Lebens ist dann erst im Ziel und Ende der
→Geschichte, im →Reich
Gottes verwirklicht. Durch die →Essentifikation
ist etwas Neues zum essentiellen →Sein
hinzugefügt worden, etwas, was sich in Zeit und Raum ereignet
hat. Das essentielle Sein wird mit dem Positiven der Existenz
verbunden, die Essenz durch die Existenz angereichert, ebenso wie
das göttliche Leben durch die geschichtlichen Prozesse
(metaphorisch gesprochen) (III 453f.). CP
Ewiges Leben →Leben, Ewiges.
Existenz →Essenz und Existenz.
Freiheit. Tillich untersucht Sinn und Wesen der F. ontologisch. Wichtig ist, dass der Mensch die Struktur des Individuums als Träger der F. innerhalb der größeren Strukturen, zu denen die individuelle Struktur gehört, erfährt. „Das Schicksal weist auf die Situation des Menschen hin. Er steht der Welt gegenüber und gehört ihr gleichzeitig an“ (I 215). Gegen die traditionelle Unterscheidung von Determinismus und Indeterminismus setzt Tillich die Polarität von F. und Schicksal. F. ist die F. „des Menschen, das heißt desjenigen Seienden, das kein Ding, sondern ein vollendetes Selbst und eine rationale Person ist“ (I 216). Erfahren wird F. als Erwägung, Entscheidung und Verantwortung. So wird auch der Sinn von Schicksal deutlich. Es ist die Konkretheit unseres →Seins, die all unsere Entscheidungen zu unseren Entscheidungen macht. Nur wer F. hat, hat Schicksal (I 217). Entscheidend ist die Polarität von F. und Schicksal bei der Betrachtung des Übergangs von der →Essenz zur Existenz: (a) Der Mensch hat F. im Gegensatz zu anderen Lebewesen; (b) Die F. des Menschen ist endliche F., da alle Potentialitäten, die seine F. konstituieren, durch den Gegenpol, sein Schicksal, begrenzt sind (II 38). CA
Gebet. Gottes lenkendes Schaffen ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des G.s, besonders des Bitt- und Fürbittengebets. Dabei soll nicht erwartet werden, dass →Gott in existentielle Gegebenheiten eingreift. Vielmehr wird in beiden G.sformen darum gebeten, dass Gott die gegebene →Situation in Richtung auf Erfüllung lenkt (I 307). So wird das G. im Zusammenhang mit Gottes lenkendem Schaffen grundlegend verhandelt, wobei betont wird, dass Gott keine höhere Macht ist, die man durch Riten und G.e beeinflusst (I 312). Gott ist weder Objekt des Erkennens noch Partner des Handelns. Darüber hinaus muss zwischen Rausch und →Ekstase unterschieden werden. Das erfolgreiche und ernsthafte G. ist das beste Beispiel einer ekstatischen Einigung, in der die unabhängige Existenz des Subjekts und des Objekts geschaffen und überwunden und eine höhere Einheit geschaffen ist (III 143). Jedes ernsthafte G. schafft etwas Neues. CA
Geist.
Der göttliche G., durch den die →Offenbarung
erfolgt, ist immer der G. von →Jesus als dem
Christus (I 171f.). Der G. ist die Macht der Beseelung selbst
und nicht ein Teil, der dem anorganischen System hinzugefügt
wird (III 32). Das →Leben in der Welt der Ideen kann nicht
„geistige Welt“ genannt werden (III 33f.). Innerhalb der
→Dimensionen des Lebens umfasst der
G. mehr als die →Vernunft. Er umfasst eros, Leidenschaft
und Gefühl, aber ohne Vernunftstruktur wäre er nicht
fähig, irgendetwas zu schaffen (III 35). Nur der göttliche
G. schafft unzweideutiges Leben. Alles Endliche wird durch die
Beziehung zum Göttlichen bestimmt, d.h., dass der menschliche
G. von etwas Letztem und Unbedingtem ergriffen wird, wobei der
göttliche G. sich in der Erlösungs- und der
Offenbarungserscheinung ekstatisch äußert –
d.h. „er
treibt den menschlichen G. über sich hinaus, ohne seine
essentielle, d.h. rationale Struktur, [...] zu zerstören“
(III 135). „Wort“ und „Sakrament“ bezeichnen die beiden Weisen, in denen sich
der göttliche G. den Menschen mitteilt (III 145). Zur Erfahrung
des göttlichen G.es gehört ein sakramentales Element – so
verborgen es auch sein mag. Da ein sakramentales →Symbol an der
Macht dessen, was es symbolisiert, teilnimmt, kann es zum Mittler
des göttlichen G.es werden. „Glaubensgehorsam“ meint,
sich offen zu halten für den göttlichen G. und nicht eine
heteronome Unterwerfung unter eine göttliche oder menschliche
Autorität. Die Gegenwart des göttlichen G.es als Liebe:
Die Liebe ist der Zustand des Hineingenommenseins in die
transzendentale Einheit unzweideutigen Lebens durch den göttlichen G.; Agape ist unzweideutige Liebe, die der menschliche G. nicht
herbeiführen kann (III 160).
Der göttliche G. kommt in den geschichtlichen „Kairoi“ zum Ausdruck, wobei
er nur in Jesus als dem Christus ohne Verzerrung gegenwärtig
war (III 171). Auf die Frage, wie personhafte Selbstbestimmung
möglich ist, wenn das bestimmende Subjekt es ebenso nötig
hat, bestimmt zu werden, wie das bestimmende Objekt, antwortet
Tillich: „Die Lösung liegt darin, daß das
bestimmende Subjekt durch das, was Subjekt und Objekt transzendiert,
bestimmt wird – durch die Gegenwart des göttlichen G.es“
(III 244).
Der göttliche G.
ist immer dann gegenwärtig, wenn die Subjekt-Objekt-Spaltung
überwunden wird. Er lässt in Beziehung von Mensch zu
Mensch das Subjekt nie bloßes Subjekt sein und das Objekt nie
bloßes Objekt bleiben (III 245).
Die Geistgemeinschaft
ist die geistige Essenz der →Kirche (III 250).
Darum muss der einzelne Christ sich bewusst werden, „daß seine geistige
Essenz als Glied der Kirche das →Neue Sein ist und daß
Gott ihn als solches sieht“ (III 250). Der Beginn oder das Ende
an der Teilhabe an der Geistgemeinschaft kann nicht an einem
Augenblick des Lebens eines Menschen festgemacht werden (III 252).
Darüber hinaus ist der göttliche G. frei und in seiner
Manifestation nicht an die Kirche gebunden. Der göttliche G.
ergreift den menschlichen G., aber er ergreift das Psychische und
das Physische im Menschen nur indirekt und in begrenzter Weise (III
317).
Die heilende Kraft des
göttlichen G.es kann nicht die Methoden des Heilens ersetzen.
Vielmehr hat ein →Gebet im →Glauben etwas zu tun mit dem
Ergriffensein vom göttlichen Geist.
„Die Gegenwart des
göttlichen Geistes ist die Gegenwart Gottes in einer bestimmten
Weise: Es ist nicht die Gegenwart Gottes, wie sie im Symbol der
Schöpfung oder im Symbol der Erlösung ausgedrückt
wird, obwohl Gegenwart des göttlichen Geistes beide voraussetzt
und vollendet. Gegenwart des göttlichen Geistes heißt:
Gott im Geist des Menschen ekstatisch gegenwärtig (und implizit
in allem, was die Dimension des Geistes konstituiert)“ (III
324). CA
Geistgemeinschaft. →Geschichte.
Gericht, Jüngstes. Das →Symbol des JG.s ist ein Ausdruck für die endgültige Ausscheidung der zweideutigen Elemente aus der Wirklichkeit oder ihre Läuterung und Erhebung in die transzendente Einheit des →Reiches Gottes. DD
Geschichte. In der christlichen Botschaft ist Geschichte
theologisch und →Theologie geschichtlich, wobei eine Teilung in
historische und konstruktive Wissensgebiete nicht zu umgehen ist (I
38).
G. ist auch ein Medium
der →Offenbarung: „Geschichtliche Offenbarung ist nicht
Offenbarung in der Geschichte, sondern durch die Geschichte. [...]
Aber die Geschichte hat nur dann Offenbarungsqualität, wenn ein
besonderes Ereignis oder eine Abfolge von Ereignissen in
ekstatischer Weise als Wunder erfahren werde (I 145).
Im Rahmen seiner
Beschreibung von Endlichkeit und →Entfremdung hält Tillich
zunächst fest, dass im Zustand der Entfremdung – wenn die
Einheit mit dem Ewigen zerrissen ist – die Unsicherheit so absolut
wird, dass sie zur Verzweiflung treibt und Strukturen der
Destruktion in der Geschichte erscheinen (II 83). Da die Erlösung
die für das →Neue Sein heilende und rettende Macht in der
Geschichte ist, nehmen im gewissen Grade alle Menschen an dieser
Erlösung durch das Neue Sein als heilende und rettende Macht in
der G. teil (II 180).
G. ist etwas
Subjektives. Gruppen oder auch überstaatliche Gebilde können
Träger der G. sein, sofern sie die Fähigkeit haben,
zentriert zu handeln (III 353). Sowohl die geschichtliche Substanz
als auch die geschichtliche Kausalität ist auf die Zukunft
ausgerichtet auf
das Reich Gottes (III 371ff.).
Wichtig im Verhältnis
von G. und Reich Gottes sind ferner die Kairos-Erlebnisse, die Teil
der Geschichte in den Kirchen sind, wobei der große Kairos,
das Erscheinen der Mitte der G. in relativen Kairoi, in denen sich
das Reich Gottes in einem spezifischen Durchbruch manifestiert,
immer wieder neu erlebt wird (III 421). Schließlich
konstatiert Tillich: Das immer gegenwärtige Ende und Ziel der
Geschichte erhebt den positiven Teil der Geschichte in die Ewigkeit,
während er zugleich das Negative von der Teilnahme an ihr
ausschließt. [...] Das →Ewige Leben umfasst also den
positiven Gehalt der Geschichte, von seinen negativen Verzerrungen
befreit und in seinen Potentialitäten erfüllt“ (III
450). CA
Gesetz.
Das G. ist grundsätzlich gut und ein göttliches
Geschenk; „es zeigt dem Menschen seine essentielle Natur, seine
wahre Beziehung zu →Gott, zum Nächsten und zu sich selbst.
In der existentiellen →Entfremdung offenbart es die wahre Natur
des Menschen“ (II 90). Analog dazu spricht Tillich mehrfach von
der unbedingten Gültigkeit des moralischen Imperativs, die
darauf beruht, dass dieser das essentielle →Sein
gegenüber der existentiellen Entfremdung repräsentiert
(III 58; 187; 312).
Gerade weil aber der
Mensch von sich selbst und von Gott entfremdet ist, ist er aus
eigener Kraft nicht fähig, das G. zu erfüllen und dadurch
die Wiedervereinigung des Existierenden mit dem Wesenhaften zu
erreichen. In dieser Situation wird das G. zum fordernden,
unerfüllbaren Gebot (II 90f.). Insofern kann Tillich mit Paulus
und weiten Teilen der christlichen Tradition sagen, dass das G (d.h.
die Notwendigkeit seiner Existenz) Ausdruck der Entfremdung des
Menschen von sich selbst ist (III 62).
Da
nun das G. das essentielle →Sein des Menschen
repräsentiert, liegt die Gefahr des Legalismus, des
legalistischen Weges der Selbst-Erlösung (also des Versuches
der Wiedervereinigung von →Existenz und Essenz durch Erfüllung
des Gesetzes) nahe; eine Bestrebung, die zwangsläufig zum
Scheitern verurteilt ist (II 90). Der Legalismus kann kein Heilsweg
sein, auch wenn das G. immerhin die Kraft hat, eine teilweise
Erfüllung herbeizuführen (III 63), aber „indem es das
tut, treibt es gleichzeitig zum Widerstand, weil das G. gerade durch
seinen ureigensten Charakter als Gebot unser Getrenntsein vom
Zustand der Erfüllung bestätigt. Das G. erzeugt
Feindschaft gegen Gott, den anderen Menschen und das eigene selbst“
(ebd.). Hier ist also bei Tillich implizit die Lehre vom usus
elenchthicus, von der anklagenden und auf Christus hintreibenden
Funktion des G.es, unverkennbar vorhanden.
Analog
zu den beschriebenen →Zweideutigkeiten des Gesetzes (einerseits
seine Berechtigung, andererseits die Unfähigkeit, die
Wiedervereinigung von essentiellem und existenziellem →Sein
herbeizuführen), ist auch das „zivile“ G. den
Zweideutigkeiten der Existenz unterworfen: Es will einerseits der
Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft dienen, bewirkt aber mit
der Gerechtigkeit zugleich Ungerechtigkeit (III 103).
Dafür gibt es
äußere Ursachen (Beziehung zwischen formuliertem G. und
den Interessen der gesetzgebenden Autoritäten) und innere
Ursachen (Abstraktheitscharakter jeden Gesetzes, der dem
Rechnungtragen einer konkreten einzelnen Situation entgegensteht)
(III 103f.).
Hinsichtlich der
zwischen Luther und Calvin umstrittenen tertius usus legis
(der Führung der schon vom göttlichen →Geist
ergriffenen Christen durch das G.) tendiert Tillich eher zu Calvins
Lösung, die eine solche dritte Funktion des G.es bejaht, da
diese realistischer und als Fundament für eine protestantische
Ethik eher geeignet erscheint als Luthers (ekstatische) Annahme,
dass der göttliche Geist den von ihm Ergriffenen vom Buchstaben
des Gesetzes freimache und ihm zugleich die Kraft gebe, in jeder
Entscheidungssituation nach der Forderung der Agape zu handeln (III
263f.).
Was
das G. nicht leisten kann, die Wiedervereinigung von essentiellem
und existentiellem →Sein, vermag die Gegenwart des
göttlichen Geistes. Die Liebe als Schöpfung des göttlichen
Geistes enthält und transzendiert das G.; Sie erfüllt
freiwillig, was das G. fordert, so dass man von einer theonomen
Moralität als Moralität der Liebe sprechen kann. Die Liebe
als agape ist kein G., sondern eine Realität (III 312f.).
Unter der Einwirkung
des göttlichen Geistes kann auch das G. theonome Qualität
annehmen und die Gerechtigkeit unzweideutig repräsentieren,
wenngleich nur in fragmentarischer Weise (III 303).
Im
Ziel und Ende der →Geschichte, im →Ewigen Leben, hört
neben →Kultur und Religion auch die Moralität auf, eine
spezifische Funktion zu sein. „Das ewige Leben ist das Ende der
Moralität, denn in ihm ist kein Sein-Sollen, das nicht zugleich →Sein ist. Wo →Essentifikation ist, gibt es
kein G., weil das, was das G. fordert, nichts anderes ist als das
Wesen, die Essenz, die durch die Existenz schöpferisch
bereichert ist“ (III 455).
Die sich heute in der
christlichen Theologie mehr und mehr Geltung verschaffende Einsicht,
dass man das jüdische Gesetzesverständnis, insbesondere
das rabbinische, aber auch schon das pharisäische zur Zeit
Jesu, keineswegs mit den erwähnten drei klassischen
protestantischen Funktionszuweisungen an das G. erfassen kann, lag noch völlig außerhalb von Tilllichs Perspektive. Jüdische Torafrömmigkeit wird nicht
eigens thematisiert, d.h. würde letztlich wohl unter die
legalistischen Wege der Selbsterlösung einzuordnen sein und
somit als möglicher Heilsweg ausscheiden. Immerhin findet sich
aber die Bemerkung, dass das Judentum mit seiner Behauptung,
Gesetzesgehorsam sei noch kein Legalismus, recht hätte (II 90).
CP
Glaube. „Kaum ein Wort der religiösen Sprache bedarf so einer
semantischen Reinigung wie das Wort G. [...] G. muss sowohl formal
wie material definiert werden“ (III 155).
Formal:
G. ist der Zustand des Ergriffenseins durch das, worauf sich die
Selbst-Transzendierung richtet: das Unbedingte in →Sein
und Sinn. Material: G. ist der Zustand des Ergriffenseins
durch das →Neue Sein, wie es in →Jesus als dem Christus
erschienen ist (III 155).
G. darf nicht mit der
intellektuellen Zustimmung zu Aussagen, die sich im Bereich der
Subjekt-Objekt-Struktur auf die Wirklichkeit beziehen, oder mit Gefühlen
verwechselt werden. Im G. geht es um eine Art von Erkenntnis, die
qualitativ verschieden ist von der Erkenntnis, die zur technisch
wissenschaftlichen Arbeit des Theologen gehört. Solche
Erkenntnis ist ihrem Wesen nach existentiell (III 66). Niemand kann
von sich selber sagen, dass er in der Glaubenssituation steht,
vielmehr kann konstatiert werden: „Jeder Theologe ist sowohl
ergriffen als auch entfremdet, er steht immer im Glauben und im
Zweifel, er befindet sich innerhalb und außerhalb des
theologischen Zirkels“ (I 17f.).
Der
→Zweifel an Wahrheit und →Sein, der
das →Schicksal alles Endlichen ist, ist im G. an die göttliche
Allwissenheit aufgehoben (I 321). G. an die Vorsehung ist →paradox
und zugleich eine Antwort auf die Frage nach der Theodizee, wobei
nach Tillich kein Mensch außerhalb der Glaubenskorrelation ein
Urteil darüber abgeben kann, ob andere Personen von der Liebe
Gottes ergriffen sind oder nicht (I 309).
Die Geistgemeinschaften
sind nicht das →Reich Gottes in letzter Vollendung, aber sie
bilden latent oder manifest die Gemeinschaft des Neuen Seins; dabei
ist die Geistgemeinschaft die Gemeinschaft des Glaubens und der
Liebe. Es ist der Glaube, der die „Kluft zwischen dem
Unendlichen und dem Endlichen schließt, wenn auch immer nur
fragmentarisch als teilweise Vorwegnahme der transzendenten Einheit unzweideutigen Lebens. Selbst unzweideutig, ist dieser Glaube der
Geistgemeinschaft das Kriterium für den Glauben der Kirche,
indem er ihre Zweideutigkeiten überwindet“ (III 183). CA
Gott →Sein-Selbst.
Gott über Gott. →Mut zum Sein, der.
heilig.
H. ist ein profaner Gegenstand, der für das Göttliche
transparent ist. Er ist nicht an sich h., sondern deshalb, weil er
sich selbst negiert, indem er auf das Göttliche hinweist. Was
für sich selbst H.keit in Anspruch nimmt, wird dämonisch
(I 252). Das H.e ist die Qualität dessen, was den Menschen
unbedingt →angeht und wird „ekstatisch“ (→Ekstase)
erlebt, d.h. in einer Erfahrung, die jede gewöhnliche Erfahrung transzendiert, ohne ihr zu widersprechen (II 14). Der Mensch erfährt
das H.e als tremendum und fascinosum, als Grund und
Abgrund des →Seins. Nur wegen der existentiellen Zerreißung
steht das H.e im Gegensatz zum Unreinen und zum Profanen. Essentiell
dagegen gehört das Unreine als das →Dämonische zum numinosen Charakter des H.en, welches keine Sondersphäre zum
Profanen darstellt: Alles Profane kann die →Dimensionen der Tiefe
haben. Der existentielle Zustand des Kampfes zwischen H.em und
Profanem heißt „Sünde“.
Auch
Personen können h. sein, so wird in der biblischen Religion das
H. personalistisch erlebt. DD
Jesus
als der Christus. Der Name „Jesus Christus“ muss
verstanden werden als: „Jesus, der der Christus ist“.
Jesus als der Christus ist sowohl ein historisches Faktum (Jesus von
Nazareth) als auch der Gegenstand gläubiger Aufnahme
(Christus). Beides ist von gleich großer Bedeutung für
die Theologie (II 108). Die Berichte über Jesus von Nazareth
handeln von Jesus als dem Christus, sie sind von Menschen
aufgezeichnet, die ihn als den Christus aufgenommen haben (II 113).
Das Christentum begründet sich darauf, dass Menschen, die in
keiner Weise an der Biographie des Messias interessiert waren, von
dem messianischen Charakter Jesu Zeugnis ablegten (II 115). Es ist
nicht die „Lehre Jesu“, die zur geschichtlichen Grundlage
des christlichen →Glaubens erhoben wird, sondern die
Entscheidung für →Gott, die nur aus einer neuen
Wirklichkeit kommen kann, dem →Neuen Sein in Jesus als dem
Christus (II 117).
Christus ist der, der
das Neue Sein bringt (II 107). Die christliche Behauptung, dass das
Neue Sein in Jesus als dem Christus erschienen ist, ist →paradox.
Sie ist das einzige, das allumfassende Paradox des Christentums (II
100). Es besteht darin, dass in einem personhaften Leben das Bild
wesenhaften Menschseins unter den Bedingungen der Existenz
erschienen ist, ohne von ihnen überwältigt zu werden (II
104), d.h., obwohl Jesus als der Christus unter den Bedingungen von
Raum und Zeit stand, war er vom Grunde seines Seins nicht
→entfremdet (II 137).
Es ist sein Sein, das
Jesus zum Christus macht, weil es die Qualität des Neuen Seins
jenseits der Spaltung zwischen →essentiellem und existentiellem
Sein hat. Daraus folgt, dass weder seine Worte noch seine Taten noch
seine Leiden ihn zum Christus machen. Das alles sind Manifestationen
des Neuen Seins, das sein Sein ist, aber dieses geht allen
Manifestationen voraus und transzendiert sie (II 132).
In Christus ist die
wesenhafte Gott-Mensch-Einheit unter den Bedingungen der Existenz
erschienen (II 182). In der Periode zwischen dem ersten und dem
zweiten Kommen Christi (→Parusie) ist das Neue Sein nur in ihm
gegenwärtig. Diejenigen, die an ihm teilhaben, haben am Neuen
Sein teil, wenn auch unter den Bedingungen der existentiellen
Situation und daher nur fragmentarisch und in Erwartung (II 130). AN
Jetzt, Ewiges. Das endliche →Sein ist ein Fragezeichen. Es stellt die Frage nach dem E.J., in dem das Zeitliche und Räumliche gleichzeitig bejaht und überwunden werden (I 244). Vergangenheit und Zukunft treffen in der Gegenwart zusammen und beide sind in dem E.J. gegenwärtig. Auf diese Art wird das eschaton zu einem Anliegen der gegenwärtigen Erfahrung, ohne die →Dimensionen der Zukunft zu verlieren: Wir stehen jetzt im Angesicht des Ewigen, aber nur indem wir vorausblicken auf des Ende der →Geschichte, auf das Ende alles dessen, was zeitlich ist innerhalb des Ewigen (III 447, 448). Wenn der Fluss der Zeit ohne das E.J. erfahren wird, dann wird sie nur als Vergänglichkeit erlebt, die jede wirkliche Gegenwart ausschließt (II 78). AN
Jungfrauengeburt. Im →Symbol der J. soll zum Ausdruck kommen, dass der göttliche →Geist, der den Menschen →Jesus von Nazareth zum Messias machte, ihn schon vorher als sein Gefäß geschaffen hat und dass die rettende Gegenwart des →Neuen Seins unabhängig von historischen Zufälligkeiten und allein abhängig von →Gott ist. Die Teilnahme des menschlichen Vaters an der Zeugung des Messias darf nicht ausgeschlossen werden (II 173). DD
Kairos/Kairoi. →Geschichte.
Katholizismus.
(a) K. im
eigentlichen Sinne des Wortes. Anstelle des Wortes „katholisch“
gebraucht Tillich das Wort „universal“, weil seit der
Spaltung durch die Reformation das Wort „katholisch“ für
die römische oder sakramentale →Kirche wie die
griechisch-orthodoxe oder die anglikanische Kirche gebraucht wird
(III 201)
Universalität ist
ein grundlegendes Prädikat der Kirche (III 199). „Die Kirchen sind
universal aufgrund der Universalität des Fundaments – des Neuen Seins, das
in ihnen wirksam ist“ (ebd.). Eine Kirche, die keine Universalität („Katholizität“)
beansprucht, hat aufgehört, eine Kirche zu sein.
Jede Kirche ist
universal sowohl intensiv wie extensiv, wobei intensive
Universalität für die Fähigkeit und den Wunsch steht,
als Kirche an allem Geschaffenen in allen →Dimensionen des
→Lebens teilzunehmen (III 199f.), extensive
Universalität dagegen die Gültigkeit ihres Fundaments für alle Nationen,
soziale Gruppen [...] und Kulturen bezeichnet (III 200f.).
Unter den Bedingungen
der →Existenz ist die Universalität niemals voll
verwirklicht, sondern sämtlichen Zweideutigkeiten unterworfen,
und daher nur in der Partikularität der Kirchen gegenwärtig – dies ist das Paradox der Universalität (III 201).
(b) K. in der
Bedeutung „römisch-katholische Kirche“. Die
grundsätzlich kritische bis polemische Beurteilung der
röm.-kath. Kirche als Institution durch Tillich lässt
sich nur von seinem →protestantischen Prinzip her verstehen:
Der besondere Charakter der röm.-kath. Kirche manifestiert sich
in ihrem Absolutheitsanspruch (III 198). „Hier ist der Punkt,
wo die Kluft zwischen Protestantismus und K. unüberbrückbar
scheint. Die röm.-kath. Kirche akzeptiert (wenigstens im
Prinzip) Kritik an jedem ihrer Glieder, auch am 'Stellvertreter
Christi', dem Papst [...], aber sie duldet keine Kritik an sich
selbst, an ihren Lehrentscheidungen, ihrem traditionellen Ritus,
ihren Moralprinzipien und ihrer hierarchischen Struktur. Die
röm.-kath. Kirche fällt ihre Urteile auf der Basis ihrer
Vollkommenheit als Kirche, aber diese Basis selbst wird nicht unter
das Urteil gestellt“ (III 197).
Dieser
Absolutheitsanspruch ist ein Resultat der Gleichsetzung von
Geistgemeinschaft und Kirche (III 274). Für Tillich ist aber
diese Identifikation letztlich eine schon dämonische Züge
tragende Verkennung der Tatsache, dass auch Kirche und Religion
unter den Bedingungen der →Existenz deren Zweideutigkeiten
unterworfen sind.
Neben der Kritik am
Absolutheitsanspruch gibt es eine weitere Kritik an der röm.-kath.
Kirche: Diese verstoße gegen das protestantische Prinzip, wenn
sie eine Synthese von Selbst-Erlösung und Erlösung durch
→Gott predigt (II 94).
Dem protestantischen
Prinzip muss notwendig die katholische Substanz, die „konkrete
Verkörperung der Gegenwart des göttlichen Geistes“
(III 281) an die Seite treten. Dabei ist die kath. Substanz ebenso
wenig ausschließlich auf den Bereich der röm.-kath. K.
beschränkt, wie das protestantische Prinzip nur in den
protestantischen Kirchen der Reformation wirksam ist. CP
Korrelation →Methode, theologische.
Kultur.
Die biblische Botschaft konnte nur verstanden und aufgenommen
werden, weil sie in der Religion und K. der Menschheit vorbereitet
gewesen war (I 45). Somit ist das Material der Religions- und
K.geschichte eine Quelle der systematischen →Theologie. Der
Theologe (bzw. die Theologin, Anm. d. Verf.) muss die gesamte
menschliche K. an der Offenbarungsgeschichte teilhaben lassen.
Tillich versucht eine konstruktive K.-Theologie, welche die
Prinzipien des Suchens nach der Wahrheit der letztgültigen
→Offenbarung auf die konkreten Probleme unserer kulturellen
Existenz anwendet.
Die Grundfunktionen der
K. sind Sprache und Technik. Sprechen und Gebrauch von Werkzeugen
gehören zusammen. Die Form ist die →Essenz der kulturellen
Schöpfung, der Stil ein spezieller, vom Gehalt bestimmter
Formcharakter (III 76).
Die Zweideutigkeiten
des kulturellen Aktes sind Sinn-Setzung und Sinn-Zerstörung
(III 87).
K. schafft ein
Sinn-Universum. Das Sinn-Universum ist die Erfüllung aller
Potentialitäten des Seins-Universums. Der Mensch ist der Ort
und das Mittel, durch das ein Sinn-Universum verwirklicht wird. Die
meisten Menschen sind von den höheren Formen der K. und Bildung
ausgeschlossen (III 104–106).
Der göttliche
→Geist ist die „Tiefe“ aller kulturellen Schöpfungen.
Die essentielle Beziehung zwischen Religion und K. – K. als die Form
der Religion und Religion als die Substanz der K. –, ist in der
Geistgemeinschaft verwirklicht. Die Einheit von Religion und K. in
der Geistgemeinschaft ist das Kriterium der religiösen und
kulturellen Gruppen (III 185f.).
Religion kann sich nicht ohne K. ausdrücken. K. verliert ohne ihre
religiöse Substanz ihre Tiefe und Unerschöpflichkeit. Den Zustand einer K.
unter der Einwirkung des göttlichen Geistes charakterisiert das Wort „Theonomie“. Das kulturelle Leben in der Theonomie ist auf das Unbedingte in →Sein und Sinn
ausgerichtet.
Charakteristika einer
theonomen K.: (1) Sie drückt in all ihren Schöpfungen die
Erfahrung des →Heiligen aus; (2) Sie bejaht die autonomen Formen
des schöpferischen Prozesses; (3) Sie kämpft ständig
gegen eine unabhängige Heteronomie und gegen eine unabhängige
Autonomie (III 282–288). CH
Leben.
Leben ist der Prozess, in dem potentielles →Sein zu aktuellem
Sein wird (I 280). Der Lebensbegriff vereinigt zwei Hauptqualitäten
des Seins, das →Essentielle und das Existentielle, dies ist die
Wurzel seiner Zweideutigkeit (III 21). Der Lebensprozess
schwankt zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen (III 55);
Schöpfung und Zerstörung in allen Lebensprozessen ist eine
fundamentale Erfahrung allen Lebens (III 67).
Die Zweideutigkeiten
des Lebens führen zu der latenten Frage nach unzweideutigem
Leben. Religiöse Symbole für unzweideutiges Leben sind:
die Gegenwart des göttlichen →Geistes, das →Reich
Gottes, das →Ewige Leben (III 130f.).
Schöpfung
unzweideutigen Lebens bedeutet die Wiedervereinigung der
essentiellen und existentiellen Elemente im Lebensprozess. Eine
solche transzendientale Einheit erscheint im menschlichen Geist als
ekstatisches Erlebnis, das von der einen Seite gesehen, →Glaube
(der Zustand des Ergriffenseins von der transzendentalen Einheit),
von der anderen Seite gesehen, Liebe (Zustand des
Hineingenommenseins in die transzendentale Einheit) genannt wird
(III 154). AN
Leben, Ewiges. Das Ewige Leben ist Teilhabe am göttlichen
Leben, →Leben im Ewigen, deshalb muss die
erste Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des E.L. verweigert
werden, da es um das Mysterium der göttlichen Herrlichkeit geht
(III 448). Eine mögliche Antwort entspricht der dynamisch-schöpferischen Interpretation des →Symbols
→„Reich Gottes“: Das
immer gegenwärtige Ende und Ziel der →Geschichte
erhebt den positiven (das, was wahre Realität hat –
die geschaffene Essenz eines Dinges, III 453). Inhalt der
Geschichte in die Ewigkeit, während es zugleich das Negative
von der Teilnahme an ihr ausschließt. Das E.L. umfasst also
den positiven Gehalt der Geschichte, der von seinen negativen
Verzerrungen befreit und in seinen Potentialitäten erfüllt
ist (III 450).
Die Teilhabe am E.L.
hängt ab von einer schöpferischen Synthese der
essentiellen Natur eines Wesens mit dem, was es in seiner zeitlichen
Existenz daraus gemacht hat (III 453). AN
Leib, geistlicher. Der g.L. ist bei Paulus ein Leib, der das vom göttlichen →Geist verwandelte →Sein des Menschen ausdrückt. Denn Geist ist bei Paulus die Gegenwart des göttlichen Geistes im menschlichen Geist. Paulus verwendet den Ausdruck g.L., um dem Materialismus abzuwehren und steht andererseits mit der Formulierung g.L. ganz in der antidualistischen Tradition des AT (II 466). DD
Liebe. Gott ist die L. (agape, in der Bedeutung von „unzweideutiger L.“), die der Mensch nicht herbeiführen kann. Sie bejaht den anderen bedingungslos und ist allumfassend. Die L. ist der Zustand des Hineingenommenseins in die transzendentale Einheit unzweideutigen →Lebens durch den göttlichen →Geist. Die L. (auch „der Drang der Wiedervereinigung des Getrennten“) gehört zur →essentiellen Struktur des Lebens (I 321–328; III 160–165). AN
Literalismus. „Die Worte Literalismus und
literalistisch sind unübersetzbar. Sie bezeichnen eine
theologische Haltung, die Symbole wörtlich
nimmt und sie dadurch ins Abergläubische und Absurde verkehrt“.
Beispiele für Symbole, bei denen die Gefahr literalistischen
Missverständnisses besteht, sind:
(1) Symbol des „Falls“,
wenn es mit der wörtlich aufgefassten Genesisgeschichte
gleichgesetzt wird (II 35);
(2) Die christlichen
Symbole (Menschensohn, Sohn Gottes, →Christus,
Logos), die durch ein wörtliches Verständnis ihren
existenziell symbolischen Sinn verlieren und auf das Niveau eines
abergläubischen Supranaturalismus herabgedrückt werden (II
119ff; 151);
(3) Die Symbole für
→Prä- und Postexistenz (II
172);
(4) Der Mythos
überhaupt (III 25).
Für Tillich wäre
der L. keine ernst zu nehmende und zu beachtende theologische Größe
mehr, wenn er nicht einen beträchtlichen hemmenden Einfluss auf
die apologetische Arbeit der →Kirche nach
außen (hinsichtlich der Vermittlung zwischen christlicher
Botschaft und moderner →Kultur) ausüben würde (II
35). CP
Methode, theologische. Es geht darum, eine theologische Methode zu finden, bei der Botschaft und →Situation auf eine solche Weise aufeinander bezogen sind, dass keine von beiden beeinträchtigt wird. Die Methode der Korrelation sucht die Fragen, die in der Situation entstanden sind, mit den Antworten, die in der Botschaft enthalten sind, in Korrelation zu bringen. Es leitet die Antworten nicht aus den Fragen ab, noch gibt es Antworten, die nichts mit der Frage zu tun haben. Es setzt Fragen und Antworten, Situation und Botschaft, menschliche →Existenz und göttliche Selbstoffenbarung in Korrelation (I 15). →Zirkel, theologischer. AN
Mut zum Sein. Nach Tillich gibt es im Menschen drei Typen
von →Angst (nicht im
psychologischen, sondern im ontologischen Sinne), von denen jeweils
ein Typ in einer bestimmten Epoche der Gesamt- wie auch der
Kirchengeschichte vorherrschend ist:
(a) Die Angst vor
Schicksal und Tod in der Alten Kirche: Hoffnung auf Erlösung
und Unsterblichkeit, Betonung der Realität des leiblichen
Sterbens und der →Auferstehung des
Leibes.
(b) Die Angst vor
Schuld und Verdammung im Mittelalter und in der Reformationszeit:
„Wo Vergebung der Sünde ist, da
ist auch Leben und Seligkeit.“
(c) Die Angst vor
Leere und Sinnlosigkeit in der Neuzeit: Erfahrung des Nichts und
der Leere, Frage nach dem →Sein und nach
dem Sinn.
Wie
lässt sich der „Mut zum Sein“ gewinnen, wenn
die göttlich-menschliche Begegnung im Sinne des
Subjekt-Objekt-Schemas ebenso wenig erfahrbar ist wie die mystische
Gottesbegegnung? Nur durch den „absoluten →Glauben“,
der über das Hindernis des →Zweifels
hinweg sowohl die Mystik als auch die göttlich-menschliche
Begegnung transzendiert. Der absolute Glaube übersteigt den
personalistischen Theismus, den Atheismus sowie die Mystik und
glaubt an den „Gott über Gott“, d.h., an den
Gott, der mehr ist als eine Person, mehr als etwas, womit ich
mystisch verschwimmen kann und an den ich auch glauben kann, wenn
ich vom radikalen Zweifel an Gott ergriffen bin. Wie kann ich das?
Weil ich am →Sein-Selbst
partizipiere, ganz gleich, ob ich Theist, Atheist oder Mystiker bin.
Der
absolute Glaube „ist kein Ort, wo man leben kann; er ist ohne
Sicherheit, die Worte oder Begriffe vermitteln, er ist ohne Namen,
ohne Kirche, ohne Kult, ohne Theologie. Aber er ist in der Tiefe von
ihnen allen wirksam. Er ist die Macht des Seins, an dem sie alle
partizipieren und dessen fragmentarische Ausdrucksformen sie sind.
[...] Der Mut zum Sein gründet in dem Gott, der erscheint,
wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist“ (GW
XI, 138f.). DD
Nichtsein. Der Mensch
partizipiert nicht nur am →Sein, sondern
auch am N. Wenn Sein und N. in absoluten Gegensatz gestellt werden,
wird das N. in jeder Beziehung vom Sein ausgeschlossen, so dass die
ganze Wirklichkeit ausgeschlossen ist und nur das →Sein-Selbst
übrig bleibt (I 220). Daher verlangt das Mysterium des N. eine
dialektische Behandlung:
Es
ist zu unterscheiden zwischen dem undialektischen Begriff des
Nichts, dem ouk on, das überhaupt keine Beziehung zum
Sein hat, und dem dialektischen Begriff des N., dem me on,
das eine dialektische Beziehung zum Sein hat. DD
Offenbarung. O. ist die Manifestation von etwas Verborgenem,
zu dem man auf den gewohnten Wegen keinen Zugang haben kann (I 131).
Der „Ursprung“
der O. ist der Grund des →Seins (Gott),
der sich im Dasein kund tut. „Ursprung“ deutet darauf
hin, dass der Grund der O. ein Mysterium ist, das in der O.
erscheint und das doch in seiner Erscheinung ein Mysterium bleibt (I
185).
Nichts ist prinzipiell
von der O. ausgeschlossen, weil diese nichts enthält, was auf
besonderen Eigenschaften beruht. Eine Person jedoch
verkörpert die zentralen Eigenschaften als Offenbarungsträger
und dadurch implizit alle Eigenschaften, die auf das Mysterium der
→Existenz hinweisen können (I
142f.).
Die O. kann nicht
verstanden werden ohne das Wort als Medium der O. Die O.
gebraucht die Alltagssprache, bezeichnet aber in der Situation der
O. das, was über den gewöhnlichen Wortsinn hinausgeht, und
drückt durch ihre Ausdruckskraft Dinge aus, die unaussprechlich
sind. Das Sein geht dem Reden voraus, und die
Offenbarungswirklichkeit geht dem Offenbarungswort voraus und
bestimmt es (I 147–150).
Originale O. ist
eine O., die sich in einer Konstellation ereignet, die zuvor nicht
existierte. In der abhängigen O. bleibt die gebende
Seite gleich, während die aufnehmende Seite sich in dem Grade
wandelt, wie neue Individuen und neue Gruppen in die gleiche
Offenbarungskonstellation eintreten. In der Kirchengeschichte
ereignen sich nur noch abhängige Offenbarungen. Sätze über
die vergangene O. haben an sich keine Offenbarungskraft (I 151f.).
→Jesus
als der Christus wird nicht aufgrund einer moralischen oder
emotionalen Eigenschaft zum Träger der letztgültigen O.,
sondern seine Worte und Taten sind Ausdruck seiner Einheit mit Gott,
Ausdruck des →Neuen Seins (I 162).
Die Mitte der
Offenbarungsgeschichte teilt den ganzen Offenbarungsprozess in die
Periode der Vorbereitung (AT) und der Aufnahme.
O. kann nur aufgenommen
werden im Gegenwärtigsein der Erlösung und umgekehrt. Das
Empfangen der O. ist unter den Bedingungen der Existenz immer
fragmentarisch und hat als solche keine erlösende Kraft (I
171–173). AN
Ontologie. →Sein.
Opfer
(a) O. Jesu: →Jesus
bestätigt seinen Charakter als Christus gerade dadurch, dass er
sich als Jesus preisgibt an sich als den Christus. Aber man darf
diese O.funktion nicht von seinem →Sein
trennen, dessen Manifestation sie ist (II 134,135).
(b)
Selbstopfer/geschichtliches O.: Der Lebensprozess
der Person schwankt zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen
und verlangt von mir die Hingabe des einen für das andere. In
diesem Phänomen zeigt sich der O.charakter alles Lebens. Die
Zweideutigkeit des O.s wird offenbar, wenn die Frage gestellt
wird: Was soll geopfert werden? Das Selbstopfer kann wertlos sein,
wenn das →Selbst nicht wert ist, geopfert
zu werden. Wenn das Selbst wert ist, geopfert zu werden, erhebt sich
die Frage, ob der, für den es gebracht wird, wert ist, es zu
empfangen (III 55–57). Das Schicksal jedes Menschen ist abhängig
von geschichtlichen Bedingungen.
(c) In der
„Gemeinschaft des heiligen Geistes“ ist die
Person von den Zufälligkeiten der →Freiheit
und des Schicksals unter den Bedingungen der →Existenz
befreit. Die Annahme dieser Befreiung ist das allumfassende O., das
zugleich die allumfassende Erfüllung ist. Es ist das einzige
unzweideutige O., das ein Mensch bringen kann und das ihn mit
der Notwendigkeit, endliche Möglichkeiten zu opfern, versöhnt.
Der göttliche →Geist kann den
zweideutigen und tragischen Charakter des O.s der
Lebensmöglichkeiten aufheben und den echten Sinn des O.s
sichtbar werden lassen –
die Anerkennung der eigenen Endlichkeit (III 308–310). AN
Paradox.
P. ist, was der doxa, der Meinung widerspricht. Das →Neue
Sein in →Jesus als dem Christus ist
das einzige, allumfassende P. des Christentums. Das „Ärgernis“,
das der paradoxe Charakter der christlichen Botschaft erregt,
richtet sich gegen die Selbst-Erlösungsversuche des Menschen.
Das P. der christlichen
Botschaft besteht darin, dass mit Jesus dem Christus in einem
personhaften Leben das Bild wesenhaften Menschseins unter den
Bedingungen der →Existenz erschienen
ist, ohne von ihnen überwältigt zu werden. D.h.: →Gott
hat an dem teil, was von ihm entfremdet ist und ihn zurückgewiesen
hat (II 100–105).
Die Jünger müssen
das P. begreifen, dass der, von dem sie glauben, dass er die
existentielle →Entfremdung
überwindet, an ihr zugrunde gehen muss (II 107).
Bejahen, dass man
bejaht ist, ist das P. der Erlösung, ohne das es keine
Erlösung, sondern nur Verzweiflung geben würde (II 92). In
dem →Mut, das eigene Gutsein Gott zu
überantworten, wird das P. des →Neuen
Seins erlebt (III 260). CH
Parusie. Das →Symbol des zweiten Kommens oder die P. des →Christus soll zum einen die Erwartung einer höheren Manifestation des →Neuen Seins ausschließen und zum anderen die jüdische Kritik beantworten, die behauptet, dass Jesus nicht der Messias sein kann, da er den neuen Äon nicht gebracht hat und der alte Stand der Dinge unverändert ist (II 176). DD
Philosophie und Theologie. Der Beziehungspunkt von
wissenschaftlicher Forschung und T. liegt in dem philosophischen
Element, das sowohl die Wissenschaft als auch die T. enthalten. P.
ist der Erkenntnisweg zur Wirklichkeit, auf dem die Wirklichkeit als
solche Gegenstand des Erkennens ist. Die T. stellt dieselbe
Frage nach der Wirklichkeit als solcher, denn das, was uns unbedingt
angeht, muss zur Wirklichkeit als solcher gehören. P. und T.
stellen die Frage nach dem Sein von unterschiedlichen
Ausgangspunkten her: Die P. beschäftigt sich mit der Struktur
des →Seins an sich, die T. mit dem Sinn des
Seins für uns, d.h., es besteht keine gemeinsame Basis zwischen
beiden. An folgenden Punkten werden die Divergenzen konkret:
(a)
Erkenntnishaltung: Der Philosoph versucht, Distanz gegenüber
dem Sein und seinen Strukturen einzunehmen. Im Gegensatz dazu ist
der Theologe in seinen Erkenntnisgegenstand einbezogen, er ist durch
seinen Glauben bestimmt (→theologischer
Zirkel), seine Haltung ist existentiell.
(b) Quellen: Die
P. sieht auf das Ganze der Wirklichkeit. Der Standort, von dem aus
geschaut wird, ist kein Ort, sondern die reine Vernunft. Die T. muss
Ausschau halten, wo das, was sie unbedingt angeht, sich
manifestiert, und muss dort stehen. Das Medium ist nicht die
Vernunft, sondern die →Kirche.
(c) Inhalt: Die
P. beschäftigt sich mit den Kategorien des Seins in bezug auf
den Stoff, der von ihnen seine Struktur erhält. Die T. bezieht
dieselben Kategorien und Begriffe auf die Frage nach einen →Neuen
Sein (I 25–37). AN
Präexistenz. Die P. ist Ausdruck dafür, dass das →Neue Sein – historisch gegenwärtig in dem Ereignis →„Jesus der Christus“ – im Ewigen wurzelt. Das →Symbol der Postexistenz ist das Korrelat zum Symbol der Präexistenz – als ewige Bestätigung der historischen Erscheinung des Neuen Seins (II 172). DD
Prinzip,
protestantisches. „Das protestantische Prinzip besagt, daß
in der Beziehung zu Gott Gott allein handelt, und daß kein
menschlicher Anspruch, aber auch kein intellektuelles, moralisches
oder religiöses Werk uns wieder mit ihm vereinigen kann“
(III 257; III 161). Andernorts spricht Tillich mehrfach vom pr. Pr.
des unendlichen Abstandes zwischen dem Göttlichen und dem
Menschlichen (III 207), bzw. →Gott und
Mensch (III 274), der von menschlicher Seite niemals überbrückt
werden kann und identisch mit der Endlichkeit des Menschen ist. Für
die Überwindung dieser →Entfremdung
zwischen Gott und Mensch ist also nach dem pr. Pr. Gottes Hingabe
das erste, eine Gabe seiner →Freiheit,
die sich in einem unbedingten und totalen Akt der vergebenden Gnade
äußert (III 224).
Erster und
grundlegender Ausdruck des pr. Pr. ist die protestantische
Rechtfertigungslehre (III 257). Dabei ist aber das pr. Pr.
grundsätzlich keineswegs auf die →Kirchen
der Reformation oder auf irgendeine andere Kirche beschränkt.
Als Ausdruck der Geistgemeinschaft transzendiert es jede einzelne
Kirche (III 281). In jeder Kirche stellt es diejenige Macht dar, die
deren völlige Dämonisierung und Profanisierung verhindert
(ebd.), insbesondere durch die ihm innewohnende prophetische Kraft
der Selbstkritik (III 284). So stellt das pr. Pr. einen Angriff
gegen eine sich selbst verabsolutierende und infolgedessen
→dämonisch entartete Kirche
dar (I 264; vgl. auch III 240), indem es gegen die
tragisch-dämonische Selbsterhebung der Religion protestiert
(III 281) und die Ablehnung der Gleichsetzung von Geistgemeinschaft
und Kirche verlangt (III 274).
Infolge einer
Zurückstellung jeglicher menschlicher Handlungen und Werke
hinter den göttlichen Gnadenakt hat das pr. Pr. auf hierarchische
Ordnungen eine stark zersetzende Wirkung; es löst auch das
Prinzip einer abgestuften Pyramide von Schichten auf (III 24). So
kann Tillich davon reden, dass das pr. Pr. „aus dem Priester
einen Laien macht, aus dem Sakrament bloße Worte und aus dem
Heiligen Profanes“ (III 431); er spricht sogar vom pr. Pr. „des
Priestertums aller Gläubigen“ (III 240), oder vom pr.
Pr., „nach dem Gott dem Niedrigsten so nahe ist wie dem
Höchsten“ (III 431).
„Das
protestantische Prinzip allein genügt jedoch nicht; die
katholische Substanz, die konkrete Verkörperung der Gegenwart
des göttlichen Geistes ist ebenso notwendig, aber sie ist dem
Kriterium des protestantischen Prinzips unterworfen“ (III
281). CP
Profan. →heilig.
Rechtfertigung →Sein, das Neue.
Reich Gottes. →Geschichte.
Restitution. Nach Tillichs R.stheorie ist die →Auferstehung die R. des →Jesus zum Christus und damit zum Träger des →Neuen Seins über seinen schimpflichen Tod hinweg. Diese R. wurzelt in der nie verlorenen Einheit zwischen Jesus und →Gott und hat sich im Bewusstsein der Jünger ereignet (II 170). DD
Schicksal. → Freiheit.
Sein.
Der Ausdruck S. bedeutet das Ganze der menschlichen
Wirklichkeit, die Struktur, den Sinn und das Ziel der →Existenz.
Das S. ist immer schon gegeben. Weil in seiner Tiefe die Macht des
Seins vorhanden ist, widersteht das S. dem →Nichtsein. Der
letzte Grund unseres Seins, der über unser Sein und Nichtsein
entscheidet, ist das, was uns deshalb unbedingt →angeht.
Bevor sich die →Theologie mit dem
beschäftigt, was uns unbedingt angeht, muss sie das S.
beschreiben: die Struktur des S.s, seine Kategorien, Gesetze und
Begriffe (Ontologie als die Wissenschaft vom S.).
Es ist zu unterscheiden
zwischen essentiellem S (wie es sein sollte und in der Tiefe immer
auch ist) und existentiellem S. (wie es unter den Bedingungen der
Existenz ist). Das existentielle S. ist gegenüber dem
essentiellem S. selbstenfremdet, zerrissen, zweideutig. Der Übergang
vom essentiellen zum existentiellen S. ist durch das →Symbol
des „Falls“, den Verlust der →„träumenden
Unschuld“ beschrieben. Die Wiedervereinigung von
existentiellem und essentiellem S. geschieht allein im →Neuen
S., welches in →Jesus als dem Christus
erschienen ist: In ihm ist das essentielle S. unter den Bedingungen
der Existenz manifest geworden.
Das
S. ist strukturiert durch die Polaritäten: (1)
Individualisation und Partizipation, (2) Dynamik und Form, (3)
→Freiheit und Schicksal. S. ist immer
endliches S, weil es durch das Nichtsein begrenzt ist. Die
Endlichkeit manifestiert sich in den Kategorien: Zeit, Raum,
Kausalität und Verflochtenheit mit dem →Nichtsein.
DD
Sein, das Neue. Das Neue S. überwindet den Zwiespalt
zwischen essentiellem und existentiellem →Sein.
Daher ist das Verlangen nach dem Neuen S. in allen Religionen und
selbst in profanen Formen wirksam.
Das Neue S. ist in
→Jesus als dem Christus erschienen: In
einem personhaften Leben ist das Bild wesenhaften Menschseins unter
den Bedingungen der →Existenz
erschienen, ohne von ihnen überwältigt zu werden.
Dadurch, dass er das
Neue S. bringt, ist Jesus Christus der Erlöser. Die Erlösung,
d.h. die Teilhabe am Neuen S. wird in dreifacher Weise erfahren:
(a) Die Erfahrung
des Neuen S.s als Schöpfung (Wiedergeburt). Wiedergeburt
heißt das Ereignis, in dem der göttliche →Geist
ein personhaftes →Leben ergreift und
→Glauben in ihm schafft. Der oder die
Wiedergeborene ist in eine neue Wirklichkeit: er hat teil am Neuen
S.s., das in Jesus Christus erschienen ist.
(b) Die Erfahrung
des Neuen S.s als Paradox (Rechtfertigung/Annahme) Durch die
Sündenvergebung, d.h., durch die Aufhebung der →Entfremdung
von Gott wird der Mensch zu dem gemacht, was er wesentlich ist. Gott
nimmt den unannehmbaren Menschen an. Da in der Beziehung zu
Gott, wie es das →protestantische Prinzip
ausdrückt, allein Gott handelt und kein menschlicher Anspruch,
kein religiöser Anspruch, aber auch kein intellektuelles,
moralisches oder religiöses „Werk“ uns wieder mit
ihm vereinigen kann, geschieht die Rechtfertigung, d.h. die Annahme
allein „aus Gnade durch Glauben“, wobei der Glaube der
Kanal ist, durch den die Gnade dem Menschen vermittelt wird (vgl.
Luther).
(c)
Die Erfahrung des Neuen S.s. als Prozess (Heiligung).
Heiligung ist der Prozess, in dem das Neue S. den einzelnen und
die Gemeinschaft umformt. Dies geschieht: (1) durch das wachsende
Bewusstwerden der Zweideutigkeit und der Fragen der Existenz sowie
der Antworten, (2) durch die wachsende →Freiheit
vom allgemeinen →Gesetz, (3) durch das
wachsende Verbundensein und die wiedervereinigende Macht der agape,
und (4) durch die Selbsttranszendierung auf das Unbedingte hin. DD
Sein-Selbst. Die ontologische Frage lautet: Was ist das Sein
selbst? Diese Frage wird als „metaphysischer Schock“
erlebt, als der Schock des möglichen →Nichtseins
(I 193).
Das S.-Selbst ist die
Macht des →Seins und kann als solche keinen
Anfang und kein Ende haben, sonst wäre es entstanden aus dem
Nichtsein. Sein geht dem Nichtsein aber ontologisch voraus (I 222).
Das S.-Selbst steht jenseits von Endlichkeit und Unendlichkeit (I
275).
Das S.-Selbst
manifestiert sich dem endlichen Sein in dem unendlichen Streben des
Endlichen über sich hinaus. Den Menschen geht das unbedingt an,
was über sein Sein und den Sinn seines Seins entscheidet.
Dieses Letzte ist für die →Philosophie
das S.-Selbst, das esse ipsum, über das das Denken nicht
hinausgehen kann. Es ist die Macht des Seins, an der alles Seiende
teilhat (I 267).
Das Sein →Gottes
ist das S.-Selbst (I 273). Anstatt zu sagen, dass Gott vor allem das
S.-Selbst ist, kann man auch sagen, dass er die unendliche
Seinsmächtigkeit in allem und über allem ist (I 273). Der
Satz, dass Gott das S.-Selbst ist, ist ein nicht-symbolischer Satz,
der über Gott ausgesagt werden kann (I 277), beschreibt aber
gleichzeitig die Grenzlinie zwischen →symbolischer
und nicht-symbolischer Rede von Gott (II 16). AN
Selbst.
Das S. ist ein Urphänomen, das logisch allen Fragen nach der
→Existenz vorausgeht. S. sein, heißt,
von allen anderen getrennt sein, alles andere sich gegenüber
haben. Das S. ist jedoch gewahr, dass es zu dem gehört, auf das
es blickt. Das S. ist „darin“. Da der Mensch ein Ich-S.
hat, transzendiert er jede mögliche Umgebung. Die gegenseitige
Abhängigkeit zwischen Ich-S. und Welt ist die ontologische
Grundstruktur und schließt alles andere ein.
Die S.-Welt-Polarität
ist die Basis der Subjekt-Objekt-Struktur der →Vernunft.
Das S. ist eine Struktur der S.bezogenheit, die subjektive Vernunft
genannt wird. Die Vernunft macht das S. zum S., zu einer
selbstbezogenen Gestalt. In der Erkenntnissphäre aber wird das
S. als Objekt betrachtet.
S.bewahrung und
S.transzendenz werden vom Menschen unmittelbar in ihm selbst
erfahren. Nur wenn der Mensch sich selbst als Mensch konserviert,
hat er die Möglichkeit, jede gegebene →Situation
zu überschreiten. Er kann sich unter dieser Voraussetzung
grenzenlos in allen Richtungen transzendieren (I 213).
Gott kann nicht ein S.
genannt werden, denn der Begriff des S. enthält Trennung von
und Gegensatz zu allem, was nicht S. ist. S. und Welt haben ihre
Wurzel im göttlichen Leben, können aber nicht →Symbole
für das göttliche Leben werden (I 281f.).
Im Unglauben wendet der
Mensch sich in seiner existentiellen S.verwirklichung seiner Welt
und sich selbst zu und verliert seine essentielle Einheit mit dem
Grunde von S. und Welt (II 55). Konkupiszenz ist die unbegrenzte
Sehnsucht, das Ganze der Wirklichkeit dem eigenen S. einzuverleiben
(II 60). Je mehr das begrenzte S. durch Unglaube, Konkupiszenz etc.
getrieben wird, sich selbst zum Zentrum aller Dinge zu machen, desto
mehr verliert es sich selbst. Es wird unfähig, sich selbst von
der Welt abzugrenzen. Es besteht also eine gegenseitige Abhängigkeit
von Selbst- und Weltverlust (II 71f.).
Verzweiflung ist der
Konflikt zwischen dem, was der Mensch potentiell ist, und dem, was
er aktuell ist. Diesem Konflikt kann man nicht entrinnen, weil man
dem S. nicht entrinnen kann (II 84).
Leben ist
Aktualisierung potentiellen Seins in dem Dreischritt: S.identität,
S.veränderung, Rückkehr zu sich selbst (III 42).
Die Integration des persönlichen S. ist nur möglich durch seine Erhebung in
das „Göttliche S.“ CH
Situation. S. bedeutet die Summe der wissenschaftlichen und künstlerischen, der wirtschaftlichen, politischen und sittlichen Formen, in denen eine Gruppe das Selbstverständnis ihrer →Existenz zum Ausdruck bringt (I 10). DD
Sünde. Der Begriff „Sünde“ steht in
großer Nähe zum Ausdruck →„Entfremdung“.
Die traditionellen Topoi der Sündenlehre („Unglaube“,
„hybris“ und „Konkupiszenz“) werden
in der ST unter dem Stichwort „Entfremdung“
thematisiert.
Allerdings sind Sünde
und Entfremdung keineswegs völlig identische Termini. Sünde
enthält als Charakteristikum die Bedeutung eines
persönlichen-aktiven Sich-Wegwendens von dem, wozu man gehört.
Das Wort Sünde muss gerettet werden, „weil es in aller
Schärfe auf das Element der persönlichen Verantwortung im
Phänomen der Entfremdung hinweist“ (II 54).
Der Begriff der
Entfremdung kann also nicht den der Sünde ersetzen, wohl aber
die Perspektive abgeben, unter der Sünde zu verstehen ist.
Der Ausdruck „Erbsünde“
muss laut Tillich aufgegeben werden, weil er zu sehr belastet ist,
um noch verwendet werden zu können. Eine Neuinterpretation
dieses Begriffs ist erforderlich, welche die ursprünglich
hinter diesem Terminus stehende reale Erfahrung, nämlich den
„universalen schicksalhaften Charakter der Entfremdung“
(II 54) wieder klar zum Ausdruck bringt.
Die klassische
dogmatische Unterscheidung von „Sünde als Zustand“
und „Sünde als Tat“ wird ebenfalls unter dem
Stichwort der Entfremdung angesprochen. CP
Symbol
(a) S. allgemein. Das S. partizipiert an der Wirklichkeit
dessen, für das es S. ist und unterscheidet sich dadurch vom
Zeichen, das nicht notwendig mit dem verbunden ist, worauf es
hindeutet. Da alles Seiende am →Sein-Selbst
partizipiert, kann auch im S. ein Ausschnitt endlicher Wirklichkeit
zum Träger einer Aussage über das Unendliche werden.
(b) Das religiöse
S. Das religiöse S. ist echt, wenn es die Korrelation von
→Offenbarung und Mensch adäquat
ausdrückt. Ein religiöse S. ist wahr, wenn es die
Korrelation von letztgültiger Offenbarung und Mensch adäquat
ausdrückt. Die →Theologie darf S.
nicht deswegen kritisieren, weil sie S.e sind und kann religiöse
S.e weder verneinen noch bejahen. Die Aufgabe der Theologie ist es
vielmehr, die S.e auszulegen, sie daraufhin zu untersuchen, ob sie
die Mächtigkeit haben, das Göttliche auszudrücken und
ggf. Widersprüche zwischen den S.en aufzudecken (II 277f.).
Schon
im NT sind zwei Symbole zentral: Das Kreuz des →Christus
drückt die Unterwerfung unter die →Existenz,
die →Auferstehung des Christus den
Sieg über sie aus. DD
Theologie. T. ist eine Funktion der christlichen Kirche, sie
muss den Erfordernissen der Kirche entsprechen. Ein theologisches
System muss zum einen die Wahrheit der christlichen Botschaft
aussprechen (kerygmatische T.) und zum anderen diese Wahrheit
für jede Generation, für jede →Situation
neu deuten (apologetische T.) Die T. muss einerseits an der
Situation der Existenzdeutung des modernen Menschen, radikal
teilnehmen; andererseits muss sie sich auf das Kerygma als auf die
Substanz und das Kriterium jedes ihrer Sätze gründen,
damit sie sich nicht selbst aufgibt.
Tillichs System ist ein
Versuch, mit Hilfe der „Methode der
Korrelation“ Botschaft und Situation zu vereinigen, indem die
Fragen, die in der Situation enthalten sind, mit den Antworten, die
in der Botschaft enthalten sind, in Korrelation gebracht werden.
Ein Mensch kann so
lange Theologe sein, als er den Inhalt des theologischen →Zirkels
als das anerkennt, was ihn unbedingt →angeht.
Ob das der Fall ist, hängt weder von seinem geistigen,
moralischen oder emotionalen Zustand, noch von der Intensität
und Gewissheit des →Glaubens, sondern
allein von seinem unbedingten Betroffensein durch die christliche
Botschaft ab, sogar dann, wenn er geneigt ist, sie anzugreifen oder
abzulehnen. Der Theologe steht immer im Glauben und im →Zweifel.
Die beiden Kriterien
der T. lauten: (1) Der Gegenstand der T. ist das, was uns unbedingt
angeht. Nur solche Sätze sind theologisch, die sich mit einem
Gegenstand beschäftigen, sofern er uns unbedingt angeht. (2)
Das, was uns unbedingt angeht, ist das, was über unser →Sein
oder →Nichtsein entscheidet. Nur
solche Sätze sind theologisch, die sich mit einem Gegenstand
beschäftigen, sofern er über unser Sein oder Nichtsein
entscheidet.
Die christliche T.
behauptet die T. zu sein, weil der göttliche logos
und damit die Wurzel alles menschlichen logos in →Jesus
als dem Christus Fleisch geworden ist.
Die Prinzipien,
die den rationalen Charakter der systematischen T. bestimmen, sind:
semantische, logische und methodische Rationalität (I 9ff.).
In III 13ff.
rechtfertigt Tillich die Darstellung seiner T. mit philosophischen,
psychologischen, Begriffen, unter Einbeziehung soziologischer und
naturwissenschaftlicher Theorien:
„Ein
solches Vorgehen scheint mir für eine T. angemessen zu sein,
welche versucht, in verständlicher Sprache zu einer breiten
Gruppe Gebildeter und geistig offener Theologiestudenten zu
sprechen, für die die traditionelle Sprache irrelevant geworden
ist. Ich bin mir dabei der Gefahr, daß die Substanz der
christlichen Botschaft verlorengehen könnte, wohl bewußt. Aber
trotzdem muss dies Wagnis eingegangen werden. [...] Da eine Gespaltenheit
zwischen einem Glauben, der für die Kultur unannehmbar ist, und einer
Kultur, die für den Glauben unannehmbar ist, für mich nicht möglich war,
musste ich den Versuch machen, die Symbole des Glaubens durch
Ausdrucksformen unserer Kultur zu interpretieren.“ Deshalb habe er es
gewagt, „vom theologischen Gesichtspunkt aus eine Philosophie
des Lebens zu entwickeln.“ DD
Unschuld, träumende. Die t.U. bezeichnet den essentiellen Zustand des Menschen, der im Mythos und im Dogma (z.B. im →Symbol des „Falls“) in die Vergangenheit „vor“ den Übergang zum existentiellen →Sein projiziert wird. Die t.U. ist zu keiner Zeit und an keinem Ort in der →Existenz aktuell, sondern rein potentiell. Weil der Mensch →Angst hat, sich nicht zu verwirklichen, beendet er den Zustand der t.U. und tritt in die Existenz ein. Er aktualisiert seine →Freiheit, um die t.U. gegen Erkenntnis, Macht und Schuld einzutauschen (II 39ff.) DD
Vernunft.
In der klassischen philosophischen Tradition ist V. primär
die ontologische V.: die Struktur des →Geistes,
die es ihm ermöglicht, die Wirklichkeit zu ergreifen und
umzuformen und sowohl subjektiv als auch objektiv ist. Die
ontologische umfasst die technische V., welche eine nur kognitive
Funktion hat und nur in Mittel-Ziel-Beziehungen existiert.
Die subjektive
V. ist die rationale Struktur des Geistes, die objektive V.
die rationale Struktur der Wirklichkeit. Der Realismus hält die
subjektive V. für eine Wirkung der objektiven V. Der Idealismus
betrachtet die objektive V. als eine Schöpfung der subjektiven
V. Jeder V. liegt die Tiefe der V. zugrunde, etwas, was man
metaphorisch mit „Substanz“, →„Sein-Selbst“,
„Grund“ oder „Abgrund“ beschreiben könnte
und was sich in Mythos und Kultus ausdrückt.
Die aktuelle V.
hat teil an der existentiellen Spaltung, an der →Zweideutigkeit
des →Lebens: Die endliche V. erkennt ihre
Unfähigkeit, ihren unendlichen Grund zu ergreifen und wird
dadurch des Unendlichen gewahr, der Tiefe, an der sie essentiell
teilhat.
Unter den Bedingungen der Existenz ist die V. zerrissen zwischen:
Allein die letztgültige →Offenbarung (l.O.) in →Jesus Christus als dem Träger des →Neuen Seins überwindet diese Konflikte:
Wo die Konflikte der existentiellen V. überwunden sind, kann man von „erlöster Vernunft“ sprechen (I 87–128; 175–182). DD
Zirkel,
der theologische. Für Tillich ist ein wirklicher Theologe
nur, wer als Glied der christlichen →Kirche
mit seiner Arbeit einer der wesentlichen Funktionen der Kirche
dienen will: ihrem theologischen Selbstverständnis. Theologe
sein heißt, die Allgemeingültigkeit der christlichen
Botschaft zu behaupten und sie mit der eigenen Methode begründen
zu wollen. So betreibt ein Theologe keine voraussetzungslose
Wissenschaft, sondern hat schon eine existentielle Entscheidung
getroffen, nämlich in der →Situation
des →Glaubens zu stehen. Diese
Entscheidung stellt den Eintritt in den t.Z. dar. Unter diesen
Vorzeichen muss er aufhören, den Anspruch zu erheben, seine
→Theologie auf empirisch-induktive oder metaphysisch-deduktive
Weise gewonnen zu haben. Da niemand von sich selbst sagen kann, in
der Glaubenssituation, d.h. im t.Z. zu stehen (Gleichzeitigkeit von
Glauben und →Zweifel, von Innerhalb- und Außerhalbstehen),
kann hier nur ein Kriterium Anwendung finden: Ein Mensch kann so
lange Theologe sein, als er den Inhalt des t.Z. als das anerkennt,
was ihn unbedingt →angeht, als er von der christlichen
Botschaft unmittelbar betroffen ist.
Der t.Z. ist letztlich
eine engere Fassung, eine spezifischere und konkretere Version des
„religionsphilosophischen Zirkels“, der sich wie folgt
beschreiben lässt: In jeder Theologie, selbst wenn sie den
Anspruch hat, objektiv zu sein, gibt es einen Punkt, an dem
individuelle Erfahrung, traditionelle Wertung und persönliches
Betroffensein den Ausschlag geben, d.h. jeder Theologie liegt
unvermeidbar ein apriorischer Erfahrungsbegriff, ein mystisches
Apriori, zugrunde; ein Umstand, dem kein Religionsphilosoph entgehen
kann. Als Folge davon können Versuche, die Theologie als
empirisch-induktive oder als metaphysisch-deduktive Wissenschaft
oder als Kombination aus beiden zu entwerfen, generell nicht zum
Ziel führen (I 15–18). CP
Zweideutigkeit. Die Z. menschlichen →Lebens liegt in der geschichtlichen →Existenz begründet und ist in allen Lebensprozessen erfahrbar. Diese Erfahrung führt zu der latenten Frage nach unzweideutigem Leben, d.h. der Wiedervereinigung von essentiellen und existentiellen Elementen. →Entfremdung. AN
Zweifel. Da Z. zur Endlichkeit gehört,
bedeutet es eine Bejahung unserer Endlichkeit, wenn wir erkennen, dass der
Z. zum Wesen des Menschen gehört. Die →träumende Unschuld
enthält die Möglichkeit des Zs. Z. ist ein Ausdruck der
allgemeinen Unsicherheit des menschlichen →Seins.
Wenn im Zustand der →Entfremdung die
Einheit mit dem Ewigen zerrissen ist, wird die Unsicherheit absolut
und treibt zur Verzweiflung (II 82/83).
Auf die Frage, wie
radikaler Z. überwunden werden kann, gibt es keine Antwort. Man
kann nur sagen, dass die Ernsthaftigkeit der Verzweiflung, aus der
heraus die Frage gestellt wird, selbst die Antwort ist. In der
letzten Wahrhaftigkeit des Z.s und der unbedingten Ernsthaftigkeit
der Verzweiflung erscheint →Gott, ohne beim Namen genannt zu werden,
in dem Erlebnis des Letzten und Unbedingten (III 162/163). AN